Freiheit in kleinen Schnitten

Freiheit in kleinen Schnitten

Im Sommer 2015 geht Saman einen Schritt, der sein Leben verändern soll: Er verlässt die kurdische Heimat. Seine Reise führt ihn zu einer Friseurin in der fränkischen Provinz, die es gut mit ihm meint.

Die Beine schmerzen, der Magen knurrt. Seit über 30 Tagen ist Saman Kakarasch unterwegs, hunderte Kilometer zu Fuß, als er am 20. September 2015 die deutsche Grenze bei Passau erreicht. Es ist die Hoffnung auf ein besseres und friedvolles Leben, die den Iraker nach Deutschland treibt. In seiner vom Krieg zerstörten Heimatstadt Machmur, nahe der Kurdenhochburg Erbil, gibt es „kein Wasser, keinen Strom, keine Arbeit“. Saman sah keine Perspektive mehr.

Heute, gut zwei Jahre nach seiner Flucht, lebt der 36-Jährige in der mittelfränkischen Kleinstadt Ansbach. Hier hat er eine Bleibe und inzwischen auch Arbeit gefunden. Seit September lernt Saman bei einem FriseurZuvor hatte er ein dreimonatiges Praktikum absolviert, das ihm ein Mitarbeiter des örtlichen Beruflichen Fortbildungszentrums (Bfz) vermittelte. Dass es mit der Ausbildung geklappt hat, verdankt Saman seinem Willen – und vor allem seiner Chefin Hülya Ciftci. „Eines Tages stand er wieder im Laden und sagte, er möchte arbeiten. Das war der Punkt, wo ich dachte: den nimmst du jetzt“, erinnert sich die Friseurmeisterin.

Nur Männer frisiert

Friseurmeisterin Hülya Ciftci
Seit 2006 betreibt Friseurmeisterin Hülya Ciftci einen kleinen Salon in der Ansbacher Karlstraße.

Ciftci, die selbst einen Migrationshintergrund hat, betreibt ihr Geschäft seit 2006. Ihr Team war schon immer multikulturell. Die Türkin beschäftigt eine Rumänin und eine Polin. Saman ist „ihr“ erster Flüchtling. „Am Anfang konnte er kein Wort Deutsch“, erzählt Ciftci, die mit ihrem Schützling deshalb regelmäßig übt. Auch außerhalb des Salons hilft die Unternehmerin Saman, wo sie kann. So unterstützt sie bei der Suche nach einer eigenen Wohnung, zum Arbeits- oder Einwohnermeldeamt begleitet sie ihn.

Warum sich die Chefin für ihren Lehrling einsetzt? „Saman will unbedingt diese Ausbildung machen, da ist Respekt da“, sagt Ciftci. Auch handwerklich überzeugt ihr Azubi sie: Er könne zum Beispiel „sehr gut Haare waschen“, die Kunden seien begeistert. Den Umgang mit Schere und Kamm eignete sich Saman in der Heimat an, wo er mehrere Jahre als Friseur arbeitete. Frauenfrisuren bereiten dem sympathischen Kurden allerdings noch Probleme. Im Irak schnitt er nur Männern die Haare. Im Salon von Hülya Ciftci muss Saman nun auch Lockenwicklern und Strähnchen Herr werden.

Dann bin ich tot“

So positiv sich Samans Situation entwickelt hat, so wackelig ist ihr Fundament. Drei seiner Landsmänner, mit denen er sich zuletzt ein Zimmer teilte, erhielten den Abschiebebescheid. Über Samans Zukunft wird ein deutsches Gericht entscheiden. Darf er bleiben oder droht ihm das gleiche Schicksal wie den anderen? Saman zuckt mit den Schultern, sein Blick ist hoffnungsvoll und zugleich voller Verzweiflung. „Ich möchte nicht gehen. Ich will in Deutschland bleiben, meine Ausbildung zum Friseur machen und hier arbeiten.“ Eine Rückkehr nach Machmur? Saman schluckt. „Wenn ich in meine Stadt zurück muss, dann bin ich tot.“

Kamm

Hülya Ciftci hofft, dass sich die Ausbildung günstig auf Samans Bleibeperspektive auswirkt. Bis zu einer endgültigen Entscheidung aber muss sie um ihren Mitarbeiter bangen. Planungen über einen längeren Zeitraum sind derzeit kaum möglich. Dabei würde die erfahrene Friseurin mit dem vollen, dunklen Haar den Azubi eines Tages gern zu einem Barbershop-Lehrgang schicken. Der sei zwar teuer, aber in Sachen Bartpflege mache er sich bestimmt „sehr gut“, ist sich Ciftci sicher. Doch zunächst heißt es eins nach dem anderen. Dank eines Angebots der Arbeitsagentur, der sogenannten Einstiegsqualifizierung, hat Saman die Chance, seine Deutschkenntnisse durch Wiederholen des ersten Lehrjahres in Ruhe zu verbessern. Von seiner Chefin erhält er ebenfalls Rückendeckung: „Er muss die Ausbildung nicht mit Bestnote bestehen. Eine Drei oder Vier reicht auch. Wichtig ist, dass er etwas in der Hand hat für seine Zukunft“, sagt Ciftci.

Acht Schwestern, drei Brüder

Saman Kakarasch, Geflüchtete in Arbeit
„Es war besser für mich, nach Deutschland zu gehen“, sagt Saman.

Zwischen Arbeit, Behördengängen und Sprachkursen denkt Saman Kakarasch oft an die Familie. Seine Eltern, die elf Geschwister und zahlreichen Nichten und Neffen – er hat sie seit seiner Flucht von daheim nicht mehr in die Arme schließen können. Sie alle sind im Irak geblieben. „Meine Familie vermisst mich und möchte, dass ich zurückkomme“, sagt Saman mit feuchten Augen und zittriger Stimme. Trotzdem sei es für ihn besser gewesen, nach Deutschland zu gehen.

Ansbach, das ist nun Samans neues Zuhause. „Die Stadt gefällt mir, ich habe viel Kontakt zu den Leuten“, erzählt er. Manchmal sei er zum Kaffeetrinken eingeladen, manchmal lädt er selbst ein. Dann kocht er traditionell kurdisch. Es ist sein ganz persönliches Stück Heimat, das ihn immer begleiten wird.


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