Glück kennt keine Grenzen

Glück kennt keine Grenzen

Gerade einmal 13 ist Mahmoud, als er unter Todesangst aus Ägypten flieht. Doch der Junge beißt sich durch. In Deutschland beginnt er eine Ausbildung, die sich als schicksalhaft erweist.

Unübersehbar sind sie, die leuchtend gelben Markierungslinien auf dem Boden. Gleichmäßig schlängeln sie sich vorbei an riesigen Hightech-Maschinen. In den Korridoren dazwischen stehen Männer mit Schutzbrille und werfen einen prüfenden Blick auf die Kontrollmonitore. BMW, Audi, Daimler, Opel, Ford – sämtliche Automobilhersteller lassen hier produzieren, in der Dinkelsbühler Niederlassung des Technologie-Giganten TE Connectivity.

Die in dem fränkischen Werk erzeugten Steckverbinder aus Kunststoff gehen in alle Welt. In quasi jedem Fahrzeug, vom Luxusschlitten bis hin zum Bagger, seien die Teile verbaut. Die Fertigung erfolgt vollautomatisch per Spritzgussverfahren. Auf das Know-how von Facharbeitern ist das Unternehmen trotz intelligenter Technologie angewiesen. An den Standorten Dinkelsbühl und Wört, im fränkisch-schwäbischen Grenzgebiet, beschäftigt TE rund 1700 Mitarbeiter – darunter Mahmoud Leila. Vergangenen September begann der junge Ägypter eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik.

Geflüchtete in Ausbildung

Der 18-Jährige beeindruckte Ausbildungsleiter Otto Fidler bei einem Praktikum. „Mahmoud hat sich sehr interessiert und geschickt gezeigt“, erinnert er sich. Zusammen mit fünf anderen Lehrlingen möchte der ehemalige BIK-Schüler nun in der Ausbildung sein Talent beweisen. Fidler sieht das als Vorteil: „Sie können zusammen in die Schule gehen, miteinander üben und reden“, sagt der 63-Jährige. Das Unternehmen ist froh, genügend Azubis gefunden zu haben. Denn wer sich nicht strecke, bekomme „keine Kandidaten mehr“, klagt Fidler. Der Ausbildungsvertrag hat für Mahmoud dabei weitaus mehr Gewicht als für seine Mitstreiter. An ihm hängt immerhin nicht nur die berufliche, sondern auch seine persönliche Zukunft. Seinetwegen entging der Afrikaner nur haarscharf der Abschiebung.

Zusage und Zufall zur rechten Zeit

Die schlechte Nachricht erhält Mahmoud Leila im August 2017. Sobald er volljährig werde, müsse der damals 17-Jährige Deutschland verlassen und in seine ägyptische Heimat zurückkehren, heißt es in einem Schreiben des BAMF. Der Grund: Das Amt hat Mahmouds Asylantrag abgelehnt. Zu diesem Zeitpunkt lebt der Teenager seit fast drei Jahren in Bayern, spricht flüssig Deutsch, hat Freunde gefunden und gerade den Hauptschulabschluss gemacht. Die Mitteilung erwischt ihn eiskalt.

Ausbilder Rainer Heppeler (48), Azubi Mahmoud Leila (18) und Ausbildungsleiter Otto Fidler (63, v.l.) vor einem Firmenwagen. Auch in den eigenen Fahrzeugen sind Steckverbinder des Marktführers verbaut.

Auch seinen künftigen Ausbildungsbetrieb bringt die neue Situation in die Bredouille. Eigentlich war vorgesehen, Mahmoud über eine Einstiegsqualifizierung behutsam an die Ausbildung heranzuführen. Doch die Entscheidung der Behörde zwingt das Unternehmen zum Umdenken. Nur ein regulärer Ausbildungsvertrag könnte Mahmouds Abschiebung im Sinne der sogenannten 3+2-Regel jetzt noch verhindern. Werksleitung und Betriebsrat beraten sich. Alle Ausbildungsplätze im Haus sind besetzt. An der Zustimmung zum Vertrag, der es dem Jungen erlauben würde, zumindest bis zum Abschluss der Lehre in Deutschland zu bleiben, rüttelt jedoch niemand. Mehr noch: Der Konzern plant fest mit dem Jugendlichen. „Wenn wir ihn erfolgreich ausbilden und er anschließend einen unbefristeten Facharbeitervertrag bei uns bekommt, ist die Chance auf ein endgültiges Bleiberecht groß“, meint Otto Fidler.

Aber kommt die „Hilfe“ rechtzeitig? Das Schicksal des Jungen hängt an einer entscheidenden Zahl. Wird er vor Ausbildungsbeginn volljährig, muss er ausreisen. Dazu kommt es am Ende nicht. Fidler spricht von einem „absolut glücklichen Zufall“: Mahmouds 18. Geburtstag fällt exakt auf jenen Tag, an dem auch die Ausbildung startet – den 1. September. So steht für Mahmoud fest: Ausbildung statt Abschiebung. Aufatmen.

Drei Tage „tot“

Zurück nach Ägypten? Das kann sich der schlanke junge Mann, der das „r“ rollt wie ein waschechter Franke, nur schwer vorstellen. Mit gerade einmal 13 Jahren flieht er von zu Hause. „Ich hatte Angst, umgebracht zu werden“, erinnert sich Mahmoud an den Alltag in seinem Heimatdorf nahe der Stadt Tanta im Norden des Landes. Ein Mädchen, das er kannte, sei entführt und getötet worden. Einmal habe man auch ihn verfolgt. Wer das war? Mahmoud weiß es nicht. Seitdem aber fürchtete er um sein Leben.



Immer wieder denkt der Junge daran zu flüchten. Das bemerkt auch der Vater. Er spart Geld und bereitet die Flucht seines Sohnes vor. Ein Mann holt Mahmoud eines Tages ab, bringt ihn ans Mittelmeer. Mit circa 150 anderen Flüchtenden geht er an Bord eines Schiffes, das Kurs auf Europa nimmt. Zehn Tage dauert die Reise. Drei davon verbringt er bewusstlos in einer Kühlkammer, weil die anderen ihn für tot halten. „Gott sei Dank“ kommt Mahmoud wieder zu sich – früh genug, um zu erleben, wie das Boot kurz vor Italien in Seenot gerät. Glücklicherweise entdeckt die Küstenwache die Schiffbrüchigen und rettet sie vorm Ertrinken.

Über Rom nach Ammelbruch

In Italien angekommen, ist Mahmoud jedoch noch nicht am Ziel. Über die westliche Welt weiß er zwar kaum Bescheid. Doch er will nach Deutschland, das habe ihm jemand empfohlen. Deutschland, das sei „sicherer und besser für die Zukunft“ – und die ist dem Heranwachsenden wichtig. Er möchte etwas aus seinem Leben machen. In den beengenden Zeltlagern, in denen Mahmoud die ersten Monate auf europäischem Terrain verbringen muss, kann er das nicht. Gemeinsam mit ein paar Freunden, die er auf der Flucht kennengelernt hat, haut er ab. Mit dem Ersparten kommen sie bis Palermo, von da aus nach Rom. Dann steigen sie in den Zug nach München. „Ich wusste nicht, ob sie uns nach Italien zurückschicken oder in den Flieger nach Ägypten setzen“, denkt Mahmoud, als er und seine Jungs am 25. Oktober 2014 in Deutschland eintreffen.

Geflüchtete in Ausbildung

Seine Befürchtung, das mulmige Gefühl, das er hat, erweist sich jedoch als unbegründet. Die Halbstarken finden fürs Erste Unterschlupf in der Bayernkaserne, einer der großen zentralen Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge in der bayerischen Landeshauptstadt. Im Januar 2015 nimmt dann eine Pflegefamilie Mahmoud bei sich auf. Ammelbruch, ein idyllisches Örtchen mit Bach und Kapelle, in der Nähe von Dinkelsbühl im Landkreis Ansbach, ist sein neues Zuhause. Ganz glücklich wird er bei der alleinerziehenden Mutter zweier Teenies allerdings nicht. „Mein Gefühl war: Ich kann da nicht bleiben.“ Eine Wahl hat der Minderjährige, dessen Eltern und vier Geschwister in Ägypten blieben, nicht. Gut zweieinhalb Jahre lebt Mahmoud bei der Familie. Als er den Ausbildungsvertrag in der Tasche hat, zieht er in eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge.

Traumjob sausen lassen

Geflüchtete in Ausbildung
Mahmoud tüftelt in der Lehrwerkstatt.

Wenn er an der Werkbank steht, wirkt Mahmoud Leila locker und befreit von den einstigen Sorgen. Der 18-Jährige frotzelt viel mit seinen Azubi-Kollegen. Überhaupt tut ihm die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen gut. Flüchtlinge in das weltweit agierende Unternehmen zu integrieren, sieht TE Connectivity als „unsere Verantwortung“. Die Menschen erwarteten, „dass sie in Deutschland weiterkommen“, sagt Fidler. Ausbilder Rainer Heppeler schätzt vor allem Mahmouds Ehrgeiz. Den braucht er auch, will er die Ausbildung bestehen. Die Gesellenprüfung muss er wie alle anderen auf Deutsch meistern – eine Hürde, an der viele Geflüchtete scheitern. Bei Mahmoud haben sie aufgrund seiner sehr guten Sprachkenntnisse keine Bedenken.

Eigentlich, verrät der sympathische Bursche, wollte er Kfz-Mechatroniker werden. An Autos schrauben, Motorräder reparieren, das sei immer seine Leidenschaft gewesen. Für seinen Traumjob lag ihm sogar ein Ausbildungsvertrag vor – den lehnte er zugunsten der Stelle bei TE jedoch ab. „Jetzt mache ich meine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker und die macht mir auch Spaß“, versichert Mahmoud. Hier, im Unternehmen, fehle ihm nichts. Nicht einmal die Familie? Doch, die schon. Ab und zu skypt er mit ihr. Und was macht das Heimweh? „Ägypten ist zwar mein Heimatland, aber hier fühle ich mich wohler.“

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