Flüchtlinge? Unternehmen entscheiden da rational“

Flüchtlinge? Unternehmen entscheiden da rational“

Rainer Aliochin (51) ist Chief Operating Officer des AAU e.V. in Nürnberg. Der Verein fördert die Ausbildung von Jugendlichen, insbesondere mit Migrationshintergrund, bei ausländischen Unternehmern in Nordbayern. Mit Fluchtlichter sprach er im Dezember 2017 über …

… die Offenheit mittelfränkischer Unternehmen für Geflüchtete:

Aliochin: Ich kenne niemanden, der von vornherein sagt, ich nehme keinen Flüchtling. Unternehmen entscheiden da relativ rational – bringt er was für die Firma oder nicht. Und man muss ja auch die Kundenebene sehen: Hier leben inzwischen viele arabische Menschen, wo ein Mitarbeiter, der arabisch spricht, sicher Vorteile bringt. Vor vielen Jahren – das werde ich nie vergessen – hat ein türkisches Reisebüro am Flughafen eine russische Auszubildende genommen. Da standen auf einmal Schlangen vor dem Schalter, weil sie die Einzige war, die dort Russisch konnte.

… die generellen Chancen von Menschen mit ausländischen Wurzeln am Arbeitsmarkt:

Sicherlich haben die es schwerer. Das betrifft nicht nur Flüchtlinge, sondern zum Beispiel auch Bürger aus Rumänien und Bulgarien. Manchmal haben diese Menschen Berufe gelernt, die nicht anerkannt werden oder die es bei uns gar nicht gibt. Letztens war ein Kalligraf hier. Diesen Beruf gibt es in Deutschland einfach nicht mehr. Dazu kommen natürlich Sprachschwierigkeiten. Viele landen deshalb erst mal in Helferjobs.

… bürokratische Hürden für Arbeitgeber, die Geflüchtete einstellen wollen:

Letztens hatte ich einen Koch aus Äthiopien bei mir, der richtig gut Deutsch spricht. Die Chefin war begeistert von ihm, sagte, genau so jemanden habe sie sich gewünscht für ihr Restaurant. Der junge Mann hatte allerdings noch kein Gespräch mit dem BAMF. Als ich dann beim Bundesamt anrief, erzählten die mir, dass seit 2015 ja so viele gekommen seien. Dann sagte ich, der ist schon seit 2013 da, das Argument zieht für mich nicht. Es hängt vor allen Dingen an staatlichen Institutionen, dass vieles nicht so klappt, wie es klappen könnte.

… staatliche Versäumnisse in der Flüchtlings- und Arbeitsmarktpolitik:

Ich bin der Erste, der sagt: Wer hier nichts verloren hat, soll abgeschoben werden. Aber das geltende Recht muss eben auch umgesetzt werden. Eine Duldung von fünf, sechs, sieben Jahren – ohne Bleibeperspektive – was soll das? Welcher Arbeitgeber lässt sich darauf ein? Das Dümmste, das wir tun können, ist, dass wir die Leute da lassen, wo sie sind, und die sich dann Beschäftigung außerhalb des legalen Arbeitsmarkts suchen. Dass die Leute dann möglicherweise auch leichte Beute für irgendwelche Rattenfänger sind, wundert mich nicht. Da muss man einfach sehr viel pragmatischer mit der Situation umgehen.

… die Erwartungen Geflüchteter, die nach Deutschland kommen:

Das ist abhängig davon, mit welchem Informationsstand sie nach Deutschland gekommen sind und wie ihre persönliche Auslegung ist. Für diejenigen, die schon selbstständig waren, ist es ganz normal, tagsüber zu arbeiten. Dann gibt es auch Leute, die denken, dass man in Deutschland alles umsonst kriegt, weil ihnen das irgendjemand so erklärt hat. Wieder andere haben noch Wunden zu lecken von ihrer Flucht. Das ist ein sehr diffuses Bild. Aber grundsätzlich unterscheiden sich diese Menschen, auch in ihrer Vielfalt, von der Basisgesellschaft nicht.

… Betriebe, die den Weg mit Flüchtlingen gehen:

Ich denke, die kleinen und mittelständischen Betriebe setzen aufs richtige Pferd. Es gibt aufgrund des Fachkräftemangels in einigen Branchen vielleicht gar keine andere Möglichkeit. Viele sind zufrieden mit dem Mehrwert, den ihr Betrieb davon erfährt. Klar, es gibt auch Probleme. Aber in fünf bis zehn Jahren wird sich das eingeschliffen haben.

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