Mama“ macht Mohammed Mut

Mama“ macht Mohammed Mut

Bedroht, geschlagen, eingesperrt: In Äthiopien musste Mohammed Grausames erleben. Seitdem er in Deutschland ist und Arbeit gefunden hat, ergeht es ihm besser. Vieles verdankt er einer herzensguten Frau – seiner Chefin.

Wie auf Samtpfoten schleicht er über die weißen Fliesen, vorbei an den edel glänzenden Karossen. Im Schlepptau ein Wägelchen, darauf ein gutes Dutzend quietschbunter Gießkannen. Mohammed kniet sich vor einen kindsgroßen Übertopf, schüttelt einmal sanft an den grasgrünen Stängeln der Zierpflanze. Einige lose Blätter rieseln vor ihm nieder.  „Mohammed“, ertönt es aus kurzer Distanz, „schau, ich hab dir was mitgebracht“. Diana Winkler (*Name von der Redaktion geändert) lächelt und drückt ihrem Gehilfen eine Tüte Gummibärchen in die Hand. Mohammeds Augen leuchten, seine Mundwinkel tanzen.

Geflüchtete in Arbeit
„Jeder, der zu mir kommt, kriegt eine Chance“, sagt Unternehmerin Diana Winkler.

Es sind Momente wie diese, in denen sich zeigt: Diana Winkler hat einen besonderen Draht zu ihrem Angestellten. Ihre Wege kreuzten sich erstmals im Herbst 2016. Die Arbeitsagentur fragte die Unternehmerin, die auf Pflanzenpflege für Firmen spezialisiert ist, damals nach einem Praktikum für einen Asylbewerber. Mohammed Husen Ibrahim Saddo, so sein vollständiger Name, durfte zum Probearbeiten vorbeikommen – und überzeugte die 54-Jährige. Seitdem agiert er als feste Hilfskraft im Betrieb, gießt Grünpflanzen in Autohäusern, jätet Unkraut. Morgens wetteifert der Äthiopier mit den Kollegen darum, wer der Erste auf der Baustelle ist. „Ich hatte noch nie einen Mitarbeiter, der so überpünktlich ist wie Mohammed“, sagt Winkler. Auf den 30 Jahre alten Ostafrikaner kann sie sich verlassen.

Fahrrad statt Führerschein

Schon als Kind half Mohammed, der in einem kleinen Dorf namens Ampento groß geworden ist, seiner Mutter bei der gemeindlichen Grünpflege. Zu gern würde Winkler ihren Schützling anlernen, damit er bei Kunden allein zurechtkommt. Doch das sei ein „unglaublicher Zeitaufwand“, für sie als Chefin, die selbst mit anpackt, nicht machbar. Ein Problem dabei: die Sprache. Mohammeds Deutsch ist schlecht, ein Sprachkurs dringend erforderlich. In Äthiopien gibt es über 80 verschiedene Landessprachen. Deutsch gehört nicht dazu.

Das weitaus größere Hindernis liegt jedoch woanders. Weil er im Dezember 2013 ohne Pass nach Deutschland eingereist war, darf Mohammed den Führerschein nicht machen. Mit der Ausländerbehörde habe sie sich deshalb gezofft, erzählt Winkler. Die Fränkin, die Afrika schon mehrfach als Touristin bereist hat, glaubt, „dass viele Flüchtlinge wirklich keinen Pass besitzen“. Erwirken konnte sie mit ihrem Einsatz bislang nichts. In der Früh holt Winkler Mohammed darum oft mit ihrem Auto zum Einsatz ab. Da die beiden im gleichen Ort wohnen, geht das. Im letzten Frühjahr schenkte sie ihm ein Fahrrad, damit er wenigstens ein Stück weit mobil ist. „Wenn ich weiß, dass er dableiben darf, dann zahle ich ihm den Führerschein“, verrät Winkler.

Mama macht Mohammed Mut

Zukunft ungewiss

Alle drei Monate muss Mohammed zur Ausländerbehörde gehen und die Aufenthaltspapiere verlängern lassen. Seine Perspektive ist derzeit unklar. Demnächst erwartet ihn eine Anhörung vor Gericht. „Ich weiß nicht, was auf uns zukommt“, sagt Winkler. Sie befürchtet, dass ihr Mitarbeiter abgeschoben wird. All das „Telefonieren, Machen und Sorgen“ wäre dann für umsonst gewesen. Als Arbeitgeber habe man weder Planungssicherheit noch ein Mitspracherecht, moniert Diana Winkler. Nach allem, was sie schon investiert hat, möchte sie den Weg mit Mohammed weitergehen.

Auf Leute wie den fleißigen Afrikaner ist die Unternehmerin in letzter Zeit mehr angewiesen denn je. Zehn Angestellte beschäftigte sie einst, aktuell sind es noch sechs. Die Suche nach Personal für ihr Gewerbe offenbare sich zunehmend als aussichtslos. Aufgrund der schwierigen Situation am Arbeitsmarkt hat Winkler Kunden verloren. Ein Grund mehr für die gelernte Gärtnerin und Bürokauffrau, zu kämpfen. „Wer für die Firma da ist, für den bin ich auch da.“

Hier bin ich frei“

Mama macht Mohammed Mut, Geflüchtete in Arbeit
In Äthiopien fürchtete Mohammed um sein Leben.

Unterstützung kann Mohammed gut gebrauchen. Die Flucht aus Äthiopien war teuer, seine Mutter sparte dafür. 7000 Dollar habe ihn die sechstägige Überfahrt mit dem Schiff von Libyen nach Italien gekostet. Das Geld – Investition in eine Zukunft ohne Gewalt. Sein Vater wurde erschossen, weil er nicht auf politischer Linie war, die Familie geschlagen und bedroht. Ein halbes Jahr verbrachte Mohammed im Gefängnis, danach flüchtete er vor den „Männern mit den Waffen“.

Der Kopf ist jetzt in Frieden, hier bin ich frei“, sagt Mohammed, den dieser Umstand so glücklich stimmt, dass er auf seinen Lohn gar verzichten würde. Tränen steigen ihm in die Augen, er faltet die Hände vor seiner Brust. Dann bricht es aus ihm heraus. Diana Winkler sei für ihn „keine Chefin“, beginnt Mohammed, „sie ist eine große Mama“, sagt er demütig und bedankt sich. „Ist schon gut“, erwidert sie wie eine stolze Mutter. „Mohammed hat ein gutes Herz, er kriegt von mir alles, was ich ihm geben kann.“

Tür an Tür mit der Chefin?

Im Vergleich zu seinem früheren Leben läuft es für Mohammed Husen Ibrahim Saddo in Deutschland eigentlich ganz gut. Nur die Wohnsituation belastet den Geflüchteten. Im Sommer fragte Mohammed Winkler, ob er in ihrem Transporter schlafen könne. Zu laut sei es in dem Zimmer, das er sich für 311 Euro pro Monat mit zwei Landsmännern teilt. Im kleinen Bechhofen, im westlichen Mittelfranken gelegen, lebt er noch immer in einer Gemeinschaftsunterkunft. Neun Leute kommen auf drei Zimmer. Eine eigene Bleibe in dem knapp 6000-Seelen-Ort zu finden, sei Winkler zufolge „fast unmöglich“. Mohammeds Mitbewohner seien oft wach bis in die Nacht. Wenn im Sommer fünf Uhr morgens sein Wecker klingelt, liegen die anderen im Bett.

Gießkannen

Kompliziert ist sie, die Suche nach einer neuen Wohnung. Die Ausländerbehörde verlangt laut Winkler einen sogenannten Vormietvertrag. Bis der genehmigt ist, können acht Wochen vergehen. „Es gibt keinen Vermieter, der so lang auf sein Geld wartet“, zeigt sich Winkler ernüchtert. Da Mohammeds derzeitige Wohnung eine staatliche ist, muss er vor dem Auszug zudem einen Antrag auf Wohnpflichtbefreiung stellen. „Wenn ich da selbst nicht mehr durchblicke, wie soll so jemand wie Mohammed dann eine Chance haben?“, kritisiert die Mittfünzigerin die bürokratischen Hürden.

Die Lösung, die Diana Winkler anbietet, ist selbstlos wie pragmatisch. Sie möchte eine Wohngemeinschaft gründen, die sowohl Platz für ihr Büro als auch Mohammed bietet. Eine Geste, die mehr verlangt, als „nur“ eine Chefin zu sein.


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