Vom Polizist zum Pantoffelprofi

Vom Polizist zum Pantoffelprofi

Kurdi Sabah Aswad diente einst dem irakischen Staat, dann floh er vor ihm. Dass er in Deutschland gelandet ist und heute an orthopädischen Einlagen tüftelt, liegt auch an Angela Merkel.

Ein greller Schleifton durchdringt die Werkstatt, es riecht nach Leder und Klebstoff. Überall liegen Schuhsohlen, Schablonen, Einlagen. Wer sich hier nicht auskennt, verliert den Überblick. Vom alltäglichen Treiben vorn im Laden und den Kunden bekommt Kurdi Sabah Aswad nichts mit. Der 30-Jährige macht orthopädische Schuhe. Eine Arbeit, die Geduld, Genauigkeit und handwerkliches Geschick erfordert.

Seit er im August den Job beim Ansbacher Orthopädie-Schuhhaus Jotz begonnen hat, lernt der aus dem Westirak stammende Mann täglich dazu. Fräsen, schneiden, schleifen, kleben – 24 Stunden pro Woche werkelt er an Kork und Kunststoff. „Ich kann noch nicht alles, aber die Arbeit hier ist gut und alle sind sehr nett zu mir, es macht Spaß“, sagt Kurdi und lächelt. Mit der neuen Aufgabe öffnet sich auch ein neues Kapitel im Lebenslauf. In seiner Heimat war Kurdi Sabah Aswad acht Jahre lang Polizist. Er hat Erfahrung als Schäfer, Schreiner und Bauarbeiter. Mit medizinischen Einlagen machte der vielseitige Iraker vor dem Praktikum bei seinem jetzigen Arbeitgeber höchstens fußläufig Bekanntschaft.

Erst pauken, dann Ausbildung

Daniela Jotz
Juniorchefin Daniela Jotz führt die fast 100 Jahre alte Schuhaus-Tradition in vierter Generation fort.

Kurdi hat sofort Interesse und Talent gezeigt“, sagt Juniorchefin Daniela Jotz. Als „umgänglich“, „freundlich“ und „kommunikativ“ beschreibt die Leiterin des fränkischen Familienunternehmens ihren Mitarbeiter. Die Integration ins Team sei problemlos gewesen. Gern hätte sie ihm einen Ausbildungsvertrag gegeben, doch das Jobcenter stellte sich quer. Kurdis Deutsch sei unzureichend. Darum entschied sich die 34-Jährige für ein anderes Modell: einen auf ein Jahr befristeten Teilzeitvertrag, der genügend Freiraum lässt, damit ihr Angestellter einen Sprachkurs besuchen und sein Deutsch verbessern kann.

Aktuell hat Kurdi Sprachniveau B1, die nächsthöhere B2-Stufe will er schaffen. Das sei „sehr schwierig, da muss man viel lernen“, sagt der Iraker. Früher ging er oft ins Sprachcafé, wo Ehrenamtliche mit ihm und anderen Flüchtlingen Deutsch übten. Diese Zeit sei jedoch vorbei, zu den Treffen komme „fast niemand“ mehr. „Vielleicht“, mutmaßt Kurdi, „haben die Araber keine Lust mehr zum Lernen und wollen lieber arbeiten“. Nun ist er auf der Suche nach einem Kurs, der zu seinen Arbeitszeiten passt.

Fünf Fluchtversuche ohne Erfolg

Einen ordentlichen Beruf ausüben und ein gutes Leben führen – in seiner Heimat schien das für Kurdi nicht möglich. Mit der Flucht in die Türkei versucht er eines Tages, Krieg und Korruption zu entkommen. Doch das Leben im autoritären Nachbarland erweist sich für den Flüchtling bald als „noch schwieriger als im Irak“. Es folgen fünf Fluchtversuche nach Griechenland, die allesamt scheitern. Meistens erwischt ihn die griechische Polizei, die ihn in die Türkei zurückschickt. Einmal verhindert das türkische Militär seine Flucht. Nach dem fünften erfolglosen Versuch ist der Mann, der aus der Provinz Anbar nahe der syrischen Grenze kommt, so entmutigt, dass er erwägt, in seine Stadt zurückzukehren – in die Stadt, die er doch eigentlich verlassen wollte.

Kurdi schleift an orthopädischen Einlagen, Geflüchtete in Arbeit

Im Herbst 2015 aber wendet sich das Blatt für Kurdi und viele andere Araber auf der Flucht entscheidend. Mit der Öffnung der Flüchtlingsroute nach Deutschland schöpft er neuen Mut. Ein letztes Mal probiert er, nach Griechenland zu gelangen. Er steigt in das Boot eines Schleppers. 44 Personen zwängen sich an Bord des kleinen Gefährts, vereint in der Hoffnung auf Freiheit und ein besseres Leben jenseits von Terror und Unterdrückung. Kurdis Herz rast, er fürchtet die Überfahrt im Dunkeln. Vier Stunden begleitet ihn die Ungewissheit. Dann erreichen sie das griechische Festland. Die Polizisten zeigen sich diesmal gnädig.

Wäre schön, wenn er bleibt“

Schuhwerkstatt Jotz
Schuhrohlinge aus Kork in der Werkstatt

Per Schiff geht es danach in die Hauptstadt Athen, von dort aus weiter mit dem Bus. In Kroatien steigt Kurdi in den Zug nach Deutschland, wo er am 20. November 2015 ankommt. Endlich hat sich sein Durchhaltevermögen ausgezahlt. Über Aufnahmeeinrichtungen in Chemnitz, Zirndorf und Herrieden landet er wenige Wochen später in Ansbach. Dort ist er bis heute geblieben. „Im Moment denke ich nicht daran zurückzugehen“, sagt Kurdi. Wenn er über den irakischen Staat und dessen politische Elite spricht, wird seine sanfte Stimme lauter. „Die Regierung im Irak arbeitet nur für sich, nicht für das Volk oder das Land“, schimpft er.

An der Fräsmaschine treten die Probleme in der Heimat in den Hintergrund. Angst, dass er Ansbach und die Firma bald wieder verlassen muss, hat Kurdi nicht. Er kenne viele Landsmänner, deren Aufenthaltsgenehmigung verlängert worden sei. Entsprechend optimistisch blickt Kurdi in die Zukunft, die längerfristig in der Schuhwerkstatt liegen könnte. Seine Chefin würde es jedenfalls freuen, wenn es mit der Ausbildung im zweiten Anlauf klappte. „Es wäre schön, wenn er bei uns bleibt“, sagt Daniela Jotz, die anderen Betrieben die Scheu nehmen möchte, Geflüchtete einzustellen. Denn das sei mit ein wenig Initiative „kein unüberwindbarer bürokratischer Akt“.


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