Wenn Wünsche wahr werden

Wenn Wünsche wahr werden

Praktika, Ausbildung, Job: Die Rothenburger Automationsfirma Neuberger bemüht sich um Geflüchtete. Abdelkarim Dahan und Mohanad Ali Mohammed sind zwei, die von der Offenheit des Unternehmens profitieren.

Kaffeeduft durchzieht den Raum. An der langen Seite des Tisches sitzt ein kahlköpfiger Mann Mitte 50 in Jackett und Jeans. Auf seinem Hemdkragen ist der Schriftzug der Firma eingenäht, für die er arbeitet. Friedrich Uhl ist kaufmännischer Leiter der Neuberger Gebäudeautomation GmbH, einem Unternehmen aus Rothenburg ob der Tauber, das Gebäude „intelligent“ macht. Zu seiner Linken sitzt Betriebsorganisatorin Kerstin Schwarz, 30 Jahre, dunkles Haar, freundliches Lächeln. Sie haben sich Zeit genommen, um über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen zu reden.

Neuberger
Von links: Mohanad Ali Mohammed, Abdelkarim Dahan, Neuberger-Personalleiter Friedrich Uhl und Betriebsorganisatorin Kerstin Schwarz.

Vier Geflüchtete hat der Betrieb im Januar eingestellt – aus Syrien, dem Irak, dem Iran. Sie alle hatten sich vergangenes Jahr auf ein Praktikum speziell für Flüchtlinge beworben. Nur wenige Firmen böten solche Praktika an, sagt Uhl. „Viele haben Angst, dass sie oder ihre Mitarbeiter mit den Leuten nicht zurechtkommen.“ Die Westmittelfranken kennen keine Berührungsängste – im Gegenteil. Neuberger ist Mitglied der Rothenburger Integrationshilfe, einem Bund von Arbeitgebern in der Stadt, die sich für die Integration von Geflüchteten stark machen. „Man muss die Menschen sehen, wie sie sind“, meint Uhl.

Rücksicht auf den Familienvater

Eigentlich, erzählt Kerstin Schwarz, plante die 500-Mann-Firma zum Jahresbeginn mit nur zwei Flüchtlingen. Weil im Praktikum jedoch alle vier überzeugten und „wir keinen enttäuschen wollten“, stellte das Unternehmen jeden von ihnen ein. Sogar die Bedingung, dass der Weg in den Betrieb nur über eine Ausbildung führt, warf es über Bord. Für zwei Jobanwärter sei dieses Modell aufgrund der jeweiligen Lebenssituation einfach „nicht passend“ gewesen. Einer, den Schwarz damit meint, ist Abdelkarim Dahan. Der 33-jährige Syrer ist verheiratet, hat ein Kleinkind zu Hause. Die Personaler standen vor der Frage: Reichen 850 Euro brutto Ausbildungsvergütung, damit Dahan seine Familie ernähren kann? Das tun sie nicht, so ihre Überzeugung. Deshalb entschloss sich das Unternehmen, dem anerkannten Flüchtling eine besser bezahlte Vollzeitstelle anzubieten.

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Für Abdelkarim Dahan fand sich ein Platz in der Elektrofertigung. Elektronische Bauteile prüfen – eine Aufgabe, für die der Familienvater aus Aleppo Fachwissen und Erfahrung mitbringt: In seiner Heimatstadt ging er zur Uni, studierte fünf Jahre Elektronik. Danach machte Abdelkarim sich mit einer kleinen Firma selbstständig, reparierte Fernseher. Der Mann, der einst aus Syrien floh, um dem Kriegsdienst zu entgehen, ist glücklich über die neue Stelle. „Mit Arbeit kann man alles machen, oder?“, sagt er und lächelt. Freude steht dem Bartträger gut zu Gesicht. Oft musste sie in den letzten Jahren Zweifel und Strapazen weichen. Als er aus Aleppo flüchtet, sitzt seine damals schwangere Frau allein daheim. Von der Geburt seines Sohnes erfährt Abdelkarim in Deutschland.

Nun geht es ihm gut. Sein Asylantrag wurde genehmigt, Frau und Nachwuchs sind bei ihm. Wenn der Krieg in seiner Heimat vorbei ist, möchte Abdelkarim Dahan wieder nach Syrien gehen. Er könne sich vorstellen, ein Neuberger-Büro in Aleppo aufzumachen, scherzt er.

Mohanad startet durch

Jedes Jahr beginnen im Rothenburger Werk circa 15 junge Menschen eine Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik. Ein Beruf, der viel mit Programmieren zu tun hat. Den Anforderungen der Berufsschule, berichtet Friedrich Uhl, sei nicht jeder gewachsen. In Gesprächen mit Flüchtlingen habe der Prokurist feststellen müssen, dass das allgemeine Niveau der Ausbildung, aber vor allem Sprachbarrieren Probleme bereiten. Zusammen mit der Industrie- und Handelskammer erfand das Unternehmen sich deshalb ein Stück weit neu: Es führte ein weiteres Berufsbild ein, das handwerkliches Geschick in den Fokus rückt: den Elektroanlagenmonteur.

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Mohanad Ali Mohammed kommt genau das zugute. Der 22-jährige Iraker ist ebenfalls „Frischling“ im Betrieb. Mit Elektronik hat der ehemalige Sportstudent nicht viel am Hut. Trotzdem war es sein ausdrücklicher Wunsch, bei Neuberger zu arbeiten. Er machte ein Praktikum und bekam die Chance, seinen „Traumberuf Elektriker“ zu erlernen. Nun unterstützt er die Kollegen im Schaltschrankbau. Bis zum Start der Lehre im August muss sich der sportliche junge Mann aber noch etwas gedulden. Zunächst soll er in aller Ruhe ins neue Metier hineinfinden. Stichwort: Einstiegsqualifizierung. Damit kann Mohanad, der aus der lange vom Islamischen Staat belagerten Stadt Mossul stammt, leben.

Dann sind wir dabei“

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Wegen der hochempfindlichen Elektronikbauteile müssen in einem Bereich der Firma spezielle Schuhe zum Schutz vor elektrostatischer Entladung getragen werden.

Am Anfang, erzählt der Iraker, sei es ihm schwer gefallen, das Vertraute hinter sich zu lassen. Doch inzwischen halte sich das Heimweh in Grenzen. In Deutschland habe er „eine neue Heimat, einen neuen Job, neue Freunde“ – kurzum: ein besseres Leben – gefunden. Hätte die deutsche Polizei ihn nicht aufgegriffen, Mohanad wäre wohl weiter nördlich in Europa gelandet – in Finnland, seinem ursprünglichen Ziel. Aber Finnland ist abgehakt. Er sei einfach froh, die Flucht übers Mittelmeer mit dem Schlauchboot, das er selbst lenkte, überlebt zu haben. Irgendwann wolle er seine Eltern besuchen. „Aber jetzt muss ich meine Ausbildung machen und dann arbeiten“, sagt Mohanad.

Wenn jemand menschlich zu uns passt und eine gewisse Demut gegenüber der Arbeit mitbringt, dann sind wir dabei“, begründet Friedrich Uhl die Offenheit des Unternehmens für Geflüchtete. Jetzt werde man sehen, wie die Integration und die Ausbildung der neuen Mitarbeiter gelinge. Um unbesetzte Praktikumsplätze machen sich Uhl und Schwarz jedenfalls keine Sorgen. Weitere Bewerber stehen schon in den Startlöchern.


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